








Kurt Vonnegut:
"...but I felt then as I feel now, that I
would have given my life to save
Dresden for the World's generations to
come. That is how everyone should
feel about every city on Earth."
Hintergrund
Dresden und das
Überschuss–Symbol
Wenn Semiotiker
über Symbole referieren‚ sprechen
sie auch über den sogenannten
”Bedeutungsüberschuss”. Der
Nicht–Semiotiker kann den Terminus nur anhand eines Beispiels
verstehen. Nehmen wir also Dresden‚ Dresden als Symbol. Und
fügen wir eine Punk–Band hinzu‚ die sich
”NY (New York) Niggers” nennt. Der Name ist
politisch nicht wirklich korrekt und die Irritation der Inkorrektheit
nimmt zu‚ wenn man hört‚ wie einer ihrer
bekanntesten Songs heißt: ”Just like Dresden
’45” (So wie Dresden ’45). In dem Text
geht es weniger um die großen
Menschheitskatastrophen als um
Befindlichkeitsstörungen eines von der Welt
Gelangweilten‚ Frustrierten‚ Enttäuschten.
Die brennende Stadt als Gleichnis für ein ausgebranntes
Innenleben. ”My brain catches fire‚ just like
Dresden ’45” (mein Hirn fängt
Feuer‚ wie Dresden ’45) heißt es im
Refrain.
So etwas nennt man
”Bedeutungsüberschuss”. Die Bedeutung geht
weit über den Ausgangspunkt des Symbols hinaus. Und je weiter
das eigentliche Geschehen entfernt ist – zeitlich wie
räumlich –‚ desto größer wird das Interpretationsspektrum. 63 Jahre nach der
Zerstörung Dresdens wird der Stadtname zur grob geschnittenen
Schablone‚ unter die vieles passt. Bis zum Hilferuf eines zur
häuslichen Ordnung unfähigen Messies‚ der
in einem "Selbsthilfeblog” schreibt:
”In meiner Küche sieht es aus wie Dresden nach der
Bombardierung”.
”Dresden” hat sich
verselbstständigt. Wird irgendwo ein Gleichnis gesucht
für Zerstörung‚ Chaos‚
Kontrollverlust‚ kaum ein anderer Stadtname wird
häufiger gebraucht. Als der Wirbelsturm Katrina New Orleans
verwüstete‚ zitierte eine US–amerikanische
Zeitung einen Beobachter mit folgendem Gleichnis: ”Es sah aus
wie in Dresden. Wie nach einem Krieg‚ und wir haben den Krieg
verloren.” Der Dresden–Vergleich wird
herangezogen‚ wenn desolate Orte wie Chicago oder die Bronx
beschrieben werden: looks like Dresden...‚ es sieht aus wie
Dresden.
Und die Dresden–Dichte nimmt zu in den
Kommentaren‚ so es sich um Kriegs– oder
kriegsähnliche Geschehnisse handelt. Fünf Tage lang
hatte Paskey Wreckage‚ Feuerwehroffizier aus
Chicago‚ am Ground Zero nach Überlebenden
gesucht‚ vergeblich. Dann erzählte der
Mann‚ er habe mindestens 30–mal
gehört‚ dass jemand angesichts der rauchenden
Trümmer an Dresden denke‚ so wie er auch. Im
Frühjahr 2003 schrieb das amerikanische
Air–force–magacine: ”Als die
US–Streitkräfte während des ersten Tages
des zweiten Golfkrieges Ziele in Bagdad angriffen‚ nannten
die Medien den Namen einer historischen europäischen Stadt
häufiger als sie die irakische Hauptstadt selbst
erwähnten. Diese Stadt war Dresden. ...”. Als im Mai
2006 die Hauptstadt von Osttimur bei Kämpfen zwischen Rebellen
und Regierungsmilizen zerstört wird‚ sagt eine
Beobachterin: ”Dili sieht jetzt aus wie Dresden oder
Beirut.” Wenn der Rest von Grosny beschrieben wird‚
der nach Jahren des Krieges übrig blieb‚ auch
dann‚ immer wieder: Es sieht aus wie in Dresden.
Pristina‚ Mostar‚ Kabul‚ Gaza
…– immer der gleiche Vergleich.
Warum
Dresden‚ ausgerechnet immer wieder Dresden in einer an
Tragödien nicht armen Welt? Vielleicht weil man in der
Irritation des Unerwarteten‚ im Chaos der Katastrophe ein
Bild braucht‚ das eine Einordnung möglich macht.
Einen Vergleich‚ der Unvorstellbares vorstellbar macht. Und
weil Dresden diese Bilder geliefert hat und immer noch
liefert‚ während andere betroffene Städte
weiter gezogen sind‚ fort vom Trauma. Und
möglicherweise‚ weil die Dresden–Bilder
mit den verwundeten Häusern sinnlich fassbarer sind als zum
Beispiel die Leere‚ die die Atombombe in Hiroshima
hinterließ. In den Fragmenten‚ die auf den
Dresdner Ruinenbildern von 1945 zu sehen sind‚ ist noch der
einstige Glanz zu ahnen‚ die Differenz zwischen
dem‚ was war‚ und dem‚ was geworden ist.
Das ”überschüssige”
Dresden–Symbol ist in der Welt und wird es noch
Jahrzehnte‚ vielleicht Jahrhunderte bleiben. Bleibt zu
hoffen‚ dass es in der Deutung ein paar zukunftsweisendere
Facetten mehr bekommt. Wie jene‚ die der damalige
US–Präsident Bill Clinton 1992 lieferte‚
als er über eine geschwächte US–Wirtschaft
sagte: ”Es ist wie Dresden 1945‚ es muss wieder
aufgebaut werden.”
Heidrun Hannusch
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