Kurt Vonnegut:

"...but I felt then as I feel now, that I
would have given my life to save
Dresden for the World's generations to
come. That is how everyone should
feel about every city on Earth."



Sächsische Zeitung, 14. 2. 2011

Jeder spielt um sein Leben
Von Peter Ufer

Daniel Barenboim erhielt in der Semperoper den Dresden-Preis. Weil er wusste, dass er sprachlos sein würde, spielte er eine Sonate von Franz Schubert.



Daniel Barenboim mit dem Dresden-Preis Foto: Oliver Killig/dpa

Daniel Barenboim sagt: „Sie dürften nicht warten. Sie müssen hingehen.“ Das sei die größte Lehre seines Lebens. Deshalb bewundere er in diesen Tagen die Menschen in Ägypten, die eben nicht abwarten, sondern gegen die Ungerechtigkeit protestieren. Denn gegen Ungerechtigkeit müsse man sich immer wehren. Dann setzte er sich seinen Flügel: „Weil ich wusste, dass ich sprachlos sein werde, möchte ich meinen Dank damit zum Ausdruck bringen, dass ich für sie spiele.“

Minutenlanger Applaus

Als der letzte Akkord der C-Moll-Sonate von Franz Schubert verklungen war, erhob sich Richard von Weizsäcker von seinem Platz in der ersten Reihe, mit ihm das gesamte Publikum, und alle applaudierten minutenlang. Der 91-jährige frühere Bundespräsident hatte kurz zuvor die Laudatio auf den neuen Träger des Dresden-Preises gehalten. Er sei ein mutiger Mensch, meinte Weizsäcker, dem am Schluss seiner Rede die sonore Stimme kurz brach, als er sagte: „Krieg ist Missklang. Aber Klang, das ist Leben. Jeder, der in Barenboims West-Eastern-Divan-Orchestra spielt, spielt um sein Leben. Jeder spielt um sein Leben.“ Barenboim besitze die Fähigkeit, dass junge Menschen gemeinsam Musik empfinden. Die Jugend sei nicht Schuld an den Konflikten auf dieser Welt, aber sie müsse in die Lage versetzt werden, sich zu verständigen, damit Konflikte enden oder gar nicht erst entstehen. „Dafür gilt Daniel Barenboim unser Dank.“


Der 68-Jährige nahm am Sonntag in der Semperoper den Dresden-Preis strahlend entgegen. Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung ehrt Menschen, die sich dafür einsetzen, dass Krieg im Denken der Menschen nicht mehr vorkommen soll. Anlass ist der 13. Februar, der Dresdner Gedenktag für die Opfer der Bombennacht von 1945. Und weil Daniel Barenboim mit seinem Orchester Musiker aus Israel, Palästina, Ägypten, Syrien und dem Libanon zusammenführt und so hilft, gegenseitige Ressentiments abzubauen, sei er für den Preis ausgewählt worden. Das sagte Henry Landsberger, der Professor in New York und dort Mitglied der Friends of Dresden ist, jener Organisation, die den Dresden-Preis vor zwei Jahren ins Leben rief und ihn im Februar 2010 mit der Klaus-Tschira-Stiftung erstmals dem früheren sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow überreicht hatte.

Henry Landsberger wurde 1926 in Dresden geboren und ist der Enkel des letzten Dresdner Oberrabbiners. Mit zwölf Jahren musste er Dresden verlassen. Das rettete sein Leben. Landsberger sagte gestern: „Ich bin sehr glücklich, erleben zu dürfen, dass ein einst flüchtendes Judenkind heute in Dresden einem Juden einen Friedenspreis überreichen darf.“ Er habe sich damals nichts sehnlicher gewünscht, als dass die Alliierten endlich den Krieg beenden, aber zugleich in Furcht gelebt, seine Heimatstadt Dresden könnte dabei zerstört werden. „Ich weiß, wie es ist, zwischen den Fronten zu leben“, sagte er zu Daniel Barenboim, der sowohl einen israelischen als auch einen palästinensischen Pass besitzt.

Musik mit Gedichten

Der Musiker gründete das Orchester 1999 in Weimar. Seine Vision vom friedlichen Zusammenleben der Völker im Nahen Osten gab er trotz Anfeindungen nicht auf. Der Name des Orchesters ist von dem West-östlichen Diwan abgeleitet, einer Gedichtsammlung, zu der Johann Wolfgang Goethe von dem persischen Dichter Hafes und dessen Diwan, Gedichtsammlung, inspiriert wurde. Barenboim verneigte sich zum Abschluss, schaute in das Publikum: Jeder wusste, dass er nicht mehr auf irgendetwas warten sollte, sondern hingehen muss.

Freie Presse, 14.02. 2011



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